Siegestaumel und Nationalstolz
... ist der Stolz jener, die sonst nichts haben, worauf sie stolz sein könnten.Hallo FreundeIn den letzten Tagen schwelgen wir in Siegestaumel und taumeln in Nationalstolz: Alinghi hat bewiesen, dass sie die älteste noch aktuelle Sporttrofäe der Welt nicht zufällig gewonnen hat, sondern sie auch verteidigen kann. 132 Jahre lang gewannen sie ausschliesslich US-Amerikaner und nach weiteren zwanzig Jahren, als erste und bis jetzt einzige Europäer, und noch dazu Binnenländer, die Schweizer. Die erste Yacht, die sie überhaupt je gewann, hiess America und drum heisst diese hässliche und ursprünglich sogar bodenlose Kanne America's Cup. Bodenlos ist sie seit einigen Jahren nur noch im übertragenen Sinne: pro Mannschaft, die sie zu gewinnen versucht, gehen etwa hundert Millionen Dollar rein. Obwohl die Akteure sich mit relativ bescheidenen Gagen zufrieden geben: ein Weltklasseskipper bekommt pro Jahr etwa soviel, wie ein halbblinder Aussenverteidiger einer drittklassigen italienischen Fussballmannschaft. Das benutzte Gerät kostet allerdings etwas mehr als ein Fussball...
Das Schiff muss in jenem Land gebaut werden, dessen Flagge sie trägt, Alinghi ist also echt Made in Switzerland. Man spricht schon vom "Sauber-Effekt" im Wasser. Wie schweizerisch ist aber Alinghi wirklich? Der einzige Schweizer an Bord war der Geldgeber Bertarelli. Immerhin bringt er nicht nur die Kohle, sondern segelt auch aktiv mit. Aber der Rest? Sie kommen aus verschiedenen Ländern, fast ein Drittel sogar aus Neuseeland. Mir fiel in diesem Zusammenhang aber die gute, alte BBC ein. Weder Brown, noch Boveri waren Schweizer. Meine Chefs da waren Österreicher, Deutsche, ein Ire, die Kollegen kamen aus fünfzig Ländern, Deutsche, Tschechen, Ungaren, Inder, Italiener, Holländer, Dänen... aber die BBC war so schweizerisch, schweizerischer geht nicht mehr. Die Neuseeländer Crew pocht darauf, dass sie "echt" ist! Wer ist aber ein echter Neuseeländer? Die Maoris. Der Rest sind nur eingewanderte Abenteurer. Wer ist ein echter Amerikaner? Die paar übriggelassenen Indianer, die weder politisch, noch wirtschaftlich, noch kulturell eine Rolle spielen, der Rest sind gewissenlose Eroberer, Abenteurer, Verfolgte und Hungernde aus aller Welt oder eingeschleppte Afrikaner. Nationalität ist keine Frage der Rasse, sondern der Idee, des Geistes. Also bin ich, hergelaufener Ungare (mit Schweizer Pass, der auf Teneriffa lebt), und trotzdem stolz auf "unsere" Alinghi!
Der letzte Lauf war so dramatisch, so knapp, dass kaum ein Roman- oder Drehbuchautor sich getraut hätte, so eine Story zu verkaufen. Vor der ersten Wendeboje führten knapp die Neuseeländer, die Schweizer hatten aber Vortritt und konnten sie austricksen. Vor der dritten und letzten Wendeboje die gleiche Situation. (Wer Vortritt hat, ist natürlich nicht gottgegeben, beide versuchen, die bessere Seite zu halten). Die Neuseeländer hatten die Wahl, sich zähneknirschend wieder hinter Alinghi einzuordnen oder aber zu versuchen, doch ganz knapp vor ihnen zu wenden. Sie probierten es und es misslang: Alinghi, vortrittsberechtigt, musste ausweichen (Rammen wäre selbst in einer Regatta keine Alternative), protestierte und bekam Recht: die Neuseeländer mussten noch einen Strafkringel fahren, eine sonst nicht erforderliche Kursänderung von 270 Grad. (Was bei uns Zuschauern ohne Regattaerfahrung zunächst zu etwas Verwirrung geführt hat, ein Vollkreis wäre ja 360 Grad. Dann kam ich aber doch noch drauf: Wenden oder Halsen muss man sowieso mal, das ist eine Richtungsänderung von etwa 90 Grad, die Strafe ist also der zusätzliche Dreiviertelkreis.)
Letzter, vierter leg, beide Boote unter Spinnaker, Alinghi führt um mehr als hundert Meter, die Sache scheint gefressen, die Kiwis müssen ja auch noch ihren Strafkringel fahren. Weil man unter Spinnaker aber keinen Vollkreis fahren kann, fangen sie schon mal an, den Spi gegen die Genua zu tauschen. Und das wird plötzlich zu einem Riesenvorteil! Was es noch nie gegeben hat, was nie vorkommt! Schliesslich arbeiten eine Schar Spitzenmeteorologen für die Wettkampfleitung und nochmals je einige für die einzelnen Crews! Stellt der Wind 500 Meter vor dem Ziel ab und kommt plötzlich statt mit 15 Knoten von hinten mit fünf Knoten von vorne. Ein Wind plötzlich aus der verkehrten Richtung in über 500 Quadratmeter Tuch! Ein Viertel grösser als unser Grundstück in Wettingen! Das wirkt wie eine Bombenexplosion. An Bord von Alinghi herrscht sekundenlang absolutes Chaos, sie bändigen aber Spi und Spibaum, setzen blitzartig die Genua, derweil aber die Kiwis, schon unter Genua, sie einholen! Alinghi steht oder segelt kurz rückwärts! Die Kiwis überholen, müssen aber noch ihren Strafkringel fahren, während dem Alinghi wieder Fahrt aufnimmt und die Ziellinie ein oder zwei Sekunden vor den Neuseeländern überquert. Wahnsinn!
In unserem Hause spielte sich eine halbe Stunde vorher auch ein Drama ab: das spanische Fernsehen schaltete plötzlich von Valencia nach Madrid um, in eine anscheinend noch wichtigere Direktübertragung aus dem Parlament. Zum Glück fanden wir bald irgend einen deutschen Sender, der die Regatta auch direkt übertrug. Phü!
In Wirlichkeit entschieden diese ein, zwei Sekunden nur den letzten Lauf, nicht den ganzen Cup: Alinghi führte ja 4:2, da hätten die Neuseeländer dreimal hintereinander gewinnen müssen. (Wer zuerst fünfmal gewinnt, ist Sieger, egal, ob 5:0 oder 5:4.) Was die Sache aber schön und spannend machte, war, dass beide Schiffe und Crews praktisch ebenbürtig waren. Und es war selbstredend, dass die etwa 80 tausend Zuschauer es nie nötig fanden, ihre Freude oder Ärger durch Schlägereien oder Vandalismus auszudrücken. Es waren je einige Tausend Neuseeländer und Schweizer anwesend. Trafen sie sich irgendwo, wechselten sie freundliche Worte, klopften sich gegenseitig auf die Schulter. Der einzige, der uns mal geärgert hat, war ein spanischer Berichterstatter, der sagte, man treffe natürlich sowohl viele Schweizer als auch Neuseeländer dieser Tage in Valencia, die Schweizer ruhig und besonnen, man merke eben, dass das alles Reiche seien, während die Neuseeländer laut singend, mit der Weinflasche in der Hand, wie halt frisch aus dem Dschungel wären. Ich hätte den Idioten gerne gefragt, wann er denn seinen nächsten Stier abzumurksen gedenkt, flamencotanzend.
Im übrigen wird heute unser Dachkännel montiert. Sowas Dekadentes haben hier nur einige der reichsten Schweizer.
Gruss, Thomas



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