Pflegenotstand in Sicht?
"(...) Der Rahmenlehrplan für den Bildungsgang zur diplomierten Pflegefachfrau HF /zum diplomierten Pflegefachmann HF ist am 1. 1. 2008 in Kraft getreten. InhaberInnen eines vom SRK gegengezeichneten altrechtlichen Diploms (AKP, KWS, PsyKP, DN II) sind berechtigt, den Berufstitel «diplomierte Pflegefachfrau HF / diplomierter Pflegefachmann HF» ohne weitere Auflagen zu führen. Dies gilt auch für InhaberInnen eines Anerkennungsausweises, der im Rahmen eines kantonalen Anerkennungsverfahrens ausgestellt wurde.
Mensch-Gesellschaft-Organisation, Arbeitsgesellschaft 48
Spitäler bald ohne Krankenschwestern und Krankenpfleger? Eine Studie über die Berufswahl und das Image der Pflegeberufe
Die Spitäler und Pflegeschulen plagt die Sorge um den Nachwuchs. Eine Studie der Fachhochschule Solothurn Nordwestschweiz untersucht, warum sich nur (noch) wenige Jugendliche für den Beruf einer Krankenschwester oder eines Krankenpflegers interessieren.
Der Pflegeberuf wird zunehmend weiter entwickelt und professionalisiert, nicht zuletzt in der Hoffnung, ihn dadurch auch attraktiver zu machen. Waren die Krankenschwestern und -pfleger früher dafür zuständig, den Patientinnen und Patienten in schwierigen Situationen beizustehen und die ärztlichen Anordnungen auszuführen, so sind sie heute emanzipierte und hochqualifizierte Fachkräfte in der medizinischen Versorgung. Mit der Professionalisierung des Pflegeberufes wurde auch die Entlöhnung der Pflege markant verbessert. Die Folge: Vermehrt wählen auch Männer diesen Beruf. Darüber hinaus kann man heute an verschiedenen Hochschulen Pflegewissenschaften studieren.
Betrachtet man die vielen Verbesserungen im Pflegeberuf, dann wäre eigentlich zu erwarten, dass der Pflegeberuf heute beliebt wäre und dass Spitäler und Pflegeschulen aus einer Schar von gut qualifizierten und motivierten Bewerberinnen und Bewerbern die Besten auswählen könnten.
Das Gegenteil ist Fall. Die Anmeldungen für die Ausbildungen in Gesundheits- und Krankenpflege gehen stark zurück. Der Pflegeberuf scheint für Jugendliche, die vor der Berufsentscheidung stehen, nur wenig attraktiv zu sein – trotz gross angelegter Werbekampagnen von Spitälern und Pflegeschulen, die möglichst vielen Jugendlichen die Vorzüge der Pflegeberufe näher zu bringen versuchen.
Eine Befragung von 1 660 Personen
In Aktionismus wollte das Gesundheitsdepartement des Kantons Aargau nicht verfallen. Es wollte in einem ersten Schritt mehr darüber erfahren, wie die Berufswahl von Jugendlichen heute abläuft, welche Faktoren diesen Prozess beeinflussen und welches Image die Berufe im Gesundheitswesen bei den Jugendlichen und ihren Bezugspersonen haben. Das Institut für interdisziplinäre Wirtschafts- und Sozialforschung (IWS) der Fachhochschule Solothurn Nordwestschweiz wurde deshalb mit einer repräsentativen Studie beauftragt.
Für die Analyse des Prozesses zur Berufswahl und des Images von Pflegeberufen wurden im Frühjahr 2002 die Schülerinnen und Schüler der 8. und 9. Klassen, deren Eltern und Lehrpersonen sowie die letzten zehn Jahrgänge der Absolventinnen und Absolventen der Schulen im Gesundheitswesen des Kanton Aargau schriftlich befragt. Insgesamt haben sich 1 660 Personen an der Befragung beteiligt.
Die Studie zeigt: Vor allem zwei Dinge prägen den Entscheid für oder gegen den Pflegeberuf. Erstens sind es die schon ausgeprägt vorhandenen Einstellungen der Jugendlichen selbst, und zweitens ist es das Bild, das die Berufsleute von «ihren» Pflegeberufen vermitteln. Berufsleute haben eine wichtige Funktion als Auskunftspersonen und damit auch als ImageträgerInnen. Und so beurteilt ein Grossteil der Interessierten eine Schnupperlehre beziehungsweise einen Schnuppertag sowie Gespräche mit Berufsleuten grundsätzlich als hilfreich.
Berufung oder Profession?
Das Image der Pflegeberufe bei Jugendlichen, ihren Eltern und Lehrpersonen gründet auf einem eher traditionellen Bild der Pflege. Die Mehrheit der Befragten ist der Ansicht, Pflegeberufe würden eher aus innerer Überzeugung gewählt. So bejahen die Schülerinnen und Schüler häufiger als die gleichzeitig befragten Krankenschwestern und -pfleger die Aussage: «Der Pflegeberuf ist ein Beruf, den man nur aus innerer Überzeugung wählen kann.» Dem entsprechend können sich vor allem jene Jugendliche den Pflegeberuf vorstellen, die in einem helfenden, sozialen Umfeld tätig sein wollen. Viele der Berufsleute hingegen haben ein ganz anderes Bild von ihrem Beruf. Sie fühlen sich nicht berufen, sondern betrachten den Beruf als Profession. Für den Grossteil unter ihnen stellt der Beruf hohe intellektuelle, psychische und physische Ansprüche. Die Pflege der Patientinnen und Patienten ist bei ihnen nicht «barmherzige Hilfe», sondern eine zielgerichtete, professionelle Arbeit mit durchaus grossen Ansprüchen an die soziale Kompetenz. Mehr als 40% der Krankenschwestern und -pfleger, die in den letzten zehn Jahren ihre Ausbildung abgeschlossen haben, sagen denn auch: «Der Pflegeberuf ist ein Beruf wie jeder andere, nicht eine Berufung».
Status und Lohn
Es gibt seit Jahren Bestrebungen, die Arbeitsbedingungen im Pflegeberuf und den Status des Pflegeberufs innerhalb der medizinischen Versorgung (insbesondere gegenüber den Ärzten) zu verbessern. Und auch die Entlöhnung in den Pflegeberufen soll gerechter werden. Die Pflegeberufe professionalisieren sich seit vielen Jahren – die Gesellschaft aber
hinkt in ihrer Einschätzung der Pflegeberufe hinterher.Die Bemühungen um die Besserstellung und die Professionalisierung der Pflegeberufe haben auch eine Kehrseite: Bei der Bevölkerung und vor allem bei den vor der Berufswahl stehenden Jugendlichen entsteht zunehmend der Eindruck, in der Pflege seien offenbar die Arbeitsbedingungen nicht gut und gleichzeitig die Löhne zu tief. Die Situation rund um die Lohnfrage wird nach wie vor als das Hauptproblem der Berufe im Gesundheitswesen wahrgenommen – und zwar sowohl von den befragten Schülerinnen und Schülern als auch von den Eltern und Lehrpersonen.
Zielgruppen klarer definieren
Die repräsentative Untersuchung hat deutlich gemacht, dass sich vom Pflegeberuf vor allem Jugendliche angesprochen fühlen, die den Wunsch haben, später eine «sinnvolle», soziale Tätigkeit auszuführen. Mit sinnvoller Tätigkeit verbinden diese Jugendlichen vor allem die Vorstellung einer helfenden Tätigkeit. Diese Interessierten werden möglicherweise
abgeschreckt, wenn nun im Zuge der Bestrebungen zur Professionalisierung allzu sehr betont wird, Pflegeberufe basierten auf einer professionellen Tätigkeit und systematischem Wissen und seien für Männer genauso gut geeignet wie für Frauen.
Die Situation wird nochmals schwieriger, wenn man feststellt, dass die Botschaft des veränderten Berufsbilds bisher jene Jugendlichen nicht erreicht hat, die ganz einfach einen Beruf suchen und nicht eine Berufung. Mit dem herkömmlichen Bild des Pflegeberufes, das zudem die Veränderungen der letzten Jahre und damit die Realität nicht ausreichend widerspiegelt, lässt sich das Interesse von bisher nicht am Pflegeberuf Interessierten erst gar nicht wecken. BeiRekrutierungsmassnahmen müssen also künftig die Zielgruppen klarer definiert und die vielfältigen Aspekte des Pflegeberufs besser kommuniziert werden.
Thomas Schwarb, Veronika Aegerter, Stephanie Greiwe,
Fachhochschule Solothurn Nordwestschweiz, Bereich Wirtschaft
Berufswahl und Image der Pflegeberufe – Befragung mit 1 660 BeteiligtenDie schriftliche Befragung fand im März und April 2002 statt. Befragt wurden:
• Absolventinnen und Absolventen der letzten zehn Jahre von Schulen aus dem Gesundheitsbereich im Kanton Aargau (Absolventinnen und Absolventen Diplomniveau I und II sowie Technische Operationsassistierende)
• Zufällig ausgewählte Schulklassen der 8. und 9. Stufe an Sekundar- und Bezirksschulen im Kanton Aargau
• Eltern der befragten SchülerInnen
• Lehrpersonen der befragten SchülerInnenGeantwortet haben 389 Absolventinnen und Absolventen, 796 SchülerInnen, 434 Eltern sowie 41 LehrerInnen. Der Rücklauf betrug gesamthaft gute 52%.
Auftraggeber: Gesundheitsdepartement des Kantons Aargau. Ein Projekt des Instituts für interdisziplinäre Wirtschafts- und Sozialforschung (IWS) der Fachhochschule Solothurn Nordwestschweiz
Mensch-Gesellschaft-Organisation, Arbeitsgesellschaft 48



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